Pik Lenin, Kirgistan

22.08.2017  |  7134 m

Ich bin auf jeden Fall aber schon einmal von diesem bescheuerten Berg zurück. Das hatte ich mir ganz anders vorgestellt: eigenes Zelt, Kocher und Essen, einen 7000er alleine und ohne Hilfe besteigen. Einen Guide? Mhm. Mit wem kann ich mich vor den Gletscherspalten schützen? Also doch einen Platz im BC mit Bergführer inklusive im Paket buchen? Will ja wieder keiner mitkommen… Also rein in den Flieger, auf dem Rückweg noch drei Tage Moskau.

Mit frischem Visum im Pass, auf dem Weg ins russische Konsulat schon verschollen geglaubt, geht es nach Istanbul, dann weiter nach Bishkek. Zweitägiger Aufenthalt. Am Flughafen treffe ich Fares, einen ziemlich verrückten Franzosen, der auch zum Pik Lenin will. Wir besorgen uns in den nächsten Tagen zusammen Gas, fehlende Kleidung, Permits, Flugtickets nach Osh und vor allem Bargeld.

Viel Neues. Ich spreche kein Russisch, Fares auch nicht und so ist alles umständlich, gleichzeitig aber sehr lustig, weil viel mit Händen und Füßen geht. Selbstorganisierter und gefährlicher Straßenverkehr: Es wird bei Rot gefahren, man muss in beide Richtungen sehen. Baustellen sind mit abgebrochenen Zweigen gesichert, die in die offenen Kanaldeckel gesteckt sind. Starkes Bier (11%) in 1-Liter Flaschen, der kleinsten Flaschengröße. Am Flughafen kommen noch die anderen 5 unserer Gruppe dazu: Olivier, Chris, Tue, Alexej und Igor. Der Flug in einer 30 Jahre alten BAe 146 wirkt leicht beängstigend. Die 4-stündige Fahrt von Osh zum Basecamp ist dank der musikalischen Untermalung durch den Busfahrer nervig.

Im Camp schlage ich mein eigenes Zelt auf. Die Saison ist fast vorbei und die letzten Gruppen kommen vom Gipfel. Einige mit Erfrierungen. Unser Guide Andrej hat keine einzige Fingerkuppe mehr. „Vor ein paar Jahren waren wir mehrere Tage am Pik Pobeda eingeschneit“. In schlechtem Englisch versucht er uns die wichtigsten Dinge mitzuteilen. Mir ist das Ganze suspekt und ich beschließe schon jetzt, bevor es eigentlich richtig losgegangen ist, nach dieser Tour nur noch selbstorganisiert zu klettern.

Das fertig gekochte Essen ist zwar angenehm, aber ich liege nach dem Marsch bis Camp 1 (4400 m) zwei Tage lang mit Magenkrämpfen und Durchfall im Zelt. Die hygienischen Bedingungen sind nicht optimal und ich habe Desinfektionszeug vergessen, wie ich es am Kilimandscharo, nach Durchfällen, sehr zu schätzen gelernt habe. Dann kommt der Aufstieg bis Camp 2 (5400 m), am nächsten Morgen noch bis ca. 5600 m. Dann kehre ich um und mir wird klar: Das war nix. Nicht genug trainiert, Darmprobleme, Kälte, Wind, zu spät in der Saison. Dieses Mal nicht. Wir sind die letzte Gruppe, die es versucht. Nach uns kommt niemand mehr. Alles wird schon abgebaut und als wir in das mittlerweile eingeschneite Camp 1 zurückkommen, stehen nur noch zehn der ursprünglich bestimmt 100 Zelte. Die Besatzung macht sich einen Spaß aus der Sache und veranstaltet einen „Wir holen auf dem Weg gleich noch die letzten Zelte runter Lauf“. Die rennen in Laufsachen hoch und zwar alleine über den Gletscher. Das macht die ganze Aktion natürlich noch weniger sexy für mich. Die anderen wollen noch einen Versuch machen nach dieser ersten Aklimatisierungs-Tour, kommen schliesslich aber nur bis Camp 3 auf 6300 m.

Unverrichteter Dinge steige ich alleine ab und fahre nach Bishkek zurück. Jetzt habe ich viel Zeit, denn ich habe am Berg eine Woche gespart, da ich ja den letzten Aufstieg nicht gemacht habe. Mit einem alten Bundesgrenzschutz-Bus geht es die vier Stunden zurück nach Osh. Ich flippe gleich aus! Fünf der sechs Bolzen, die das Doppelrad mit der Hinterachse verbinden, sind nach der mehrstündigen Fahrt mit überhöhter Geschwindigkeit abgeschert. Die engen Kurven des Pamirhighway. Der Wagen steht jetzt nur auf dem Wagenheber, der nach einer Tonne Tragkraft aussieht. Wenn er jetzt kippt, verpasse ich meinen Flug von Osh nach Bishkek. Der Fahrer nimmt den abgenommenen Reifen als Bock. Um mich zu beruhigen, bevor er aus Leibeskräften an der verrosteten Bremstrommel zieht, um die Bolzen wechseln zu können. Gut dass das nicht in den Spitzkehren am Pass passiert ist…

Auf nach Kasachstan! In Bishkek miete ich mir einen relativ neuen Lada und fahre los. Straßen, Städte… so wie hier kenne ich das nicht. Gefährlich wird gefahren: Ein kleiner Überlandbus fährt ungebremst direkt neben mir frontal in einen entgegenkommenden Bus. An der Grenze muss ich mir eine Auto-Versicherung für Kasachstan kaufen. Das dauert. Es gibt hier goldene S-Klassen und pinke G-Klassen. Ich fahre nach Almaty. Nicht wirklich schön, eine stark wachsende Stadt in Zentralasien. Ich will noch kurz in die Berge, noch einen 4000er besteigen? Aber hier gibt es nur Gondeln, Eislaufstadien aus der Sovietzeit und Hochzeitspaare, die sich vor dem Stadion im Minutentakt ablichten lassen. Also zurück durch die endlose Steppenlandschaft zwischen den beiden Ländern. Keine Hügel, keine Bäume, kein Wasser. Nur blauer Himmel und Grasland. Sehr beeindruckend. An der Grenze fahre ich im Schritttempo an die dicken roten Linien auf dem Boden heran. Anscheinend habe ich einen Schlagbaum nicht beachtet und kann mich zwischen Gefängnis und einer Strafe entscheiden. Ich habe aber aus meinen vielen Polizeibegegnungen in Kirgistan gelernt: Ich stelle mich blöd und als die Schlange hinter mir länger wird, traut sich der Grenzsoldat nicht, seinen Vorgesetzten zu holen. Also kein Taschengeld.

Ich bin wieder in Kirgistan! Ich fahre noch einmal um den Yssykköl, einen der größten Bergseen der Welt und erlebe zwei super Tage in den Bärenverseuchten Bergen. Hier ist es wirklich noch sehr ursprünglich und ich bekomme in einem kleinen Camp von der Besitzerin und ihrer Tochter eine Flasche Cola, eine Maultasche und eine Möhre für umgerechnet 10 Cent.

Dann verbringe ich noch drei fantastische Tage in Moskau. Mit Igor, der mich schon am Pik Lenin eingeladen hat. Ich bekomme Moskau so zu sehen, wie ich es mir alleine nie hätte erschließen können. Und wieder einmal sind meine Vorurteile allesamt über den Haufen geworfen.

Pik Lenin | Kirgistan | 7134 m

Bishkek International Airport

Pik Lenin | Kirgistan | 7134 m

Bishkek

Pik Lenin | Kirgistan | 7134 m

30 years of first class maintenance

Pik Lenin | Kirgistan | 7134 m

Pik Lenin

Pik Lenin | Kirgistan | 7134 m

Basecamp | Pik Lenin on the far right

Pik Lenin | Kirgistan | 7134 m

Camp 1

Aufstieg zu Camp 1

Teile der Küche

Abbau des Lagers

Wir versuchen unsere Schuhe besser zu isolieren

Pik Lenin | Kirgistan | 7134 m

Alter Luftwaffenstützpunkt in Tokmok

Kirgisische Reperaturkünste

Yssykköl, mit 6236 km² Fläche der zweitgrößte Gebirgssee der Erde

Von |November 10th, 2017|Allgemein, Berge, Gefahren, Tour, Zelten|0 Kommentare

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